Sonntag, 10. Mai 2009

Heiner Flassbeck's Buch "Gescheitert"

(German special-interest, therefore in German)

Heiner Flassbeck, ex-Staatssekretär unter Lafontaine, rechnet in seinem Buch "Gescheitert" mit der deutschen Wirtschaftspolitik ab. Neben einer Menge durchaus sinnvoller und durchdachter Argumente vertritt er eine zentrale These, die ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann:

Wenn die Tarifparteien in den letzten 10-20 Jahren stärkere Lohnerhöhungen vereinbart hätten, dann hätten wir laut Flassbeck jetzt nicht nur einen geringeren Außenhandelsüberschuß, sondern auch eine sehr viel dynamischere Wirtschaftsentwicklung und weniger Arbeitslose. Das Fordern und Praktizieren von Lohnzurückhaltung sei der Kardinalfehler schlechthin von Politik und Gewerkschaften gewesen, und würde zeigen, daß diese von Volkswirtschaft im Gegensatz zu Flassbeck keine Ahnung hätten.

Das mit dem Außenhandelsüberschuß ist klar: Wenn die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ggü. den andere Euro-Ländern sinkt, weil die Löhne hier stärker steigen, dann sinken die Exporte und steigen die Importe. Also weniger Außenhandelsüberschuß.

Aber mit der Behauptung, die deutsche Wirtschaft wäre dadurch dynamischer geworden, habe ich ein Problem: Wieso bitte sollte das so sein?

Es gibt bei Lohnerhöhungen zwei Möglichkeiten:

1. Im Extremfall werden die Löhne voll übergewälzt, und alle anderen Preise in der Volkswirtschaft passen sich entsprechend an, so daß nominal alles entsprechend teurer wird. In diesem Fall passiert in einer geschlossenen Volkswirtschaft gar nichts. In einer offenen VW mit fixen Wechselkursen sinken die Exporte und steigen die Importe. Dies führt zu weniger lokaler Produktion und sinkender Wirtschaftsleistung. Das Gegenteil von dem, was Flassbeck behauptet.

2. Aber Flassbeck geht ja davon aus, daß keine vollständige Überwälzung erfolgt, sondern die Reallöhne steigen. Ob bzw. inwieweit das stimmt, könnte man durchaus diskutieren. Flassbeck tut dies aber nicht, sondern scheint es für völlig selbstverständlich zu halten. Nun gut, folgen wir ihm bei dieser Annahme. In diesem Fall passiert folgendes:

- Die Arbeitnehmer haben ein höheres Realeinkommen und erhöhen ihren Konsum.

- Die Kapitaleigner haben ein niedrigeres Realeinkommen und senken ihren Konsum.

- Es ist zu vermuten, daß Kapitaleigner im Durchschnitt eine höhere Sparquote haben als Arbeitnehmer, der Konsum wird also unterm Strich etwas zunehmen.

- Gleichzeitig sinkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit: Die Exporte sinken, die Importe steigen.

- Ausserdem wird es für deutsche Firmen attraktiver, Produktion ins Ausland zu verlagern, und für ausländische Firmen unattraktiver, in Deutschland zu produzieren. Auch längerfristig sinkt damit die Produktionskapazität in Deutschland.

Wir haben also insgesamt zwei gegenläufige Effekte: Etwas mehr Konsumnachfrage durch Umverteilung von Kapital zu Arbeit (was tendenziell ähnlich ist zu einer Umverteilung von "oben" nach "unten"), und eine verschlechterte internationale Wettbewerbsfähigkeit, die sich mittelfristig durch Produktionsverlagerungen noch verstärkt.

Wieso sich Flassbeck so sicher ist, daß der Umverteilungseffekt überwiegt, bleibt sein Geheimnis.

Schauen wir uns ein paar Zahlen an:

Erhöht man z.B. die Löhne um 5 %, und geht man davon aus, daß nur 3 % "übergewälzt" werden, die Kaufkraft also um 2 % steigt. Diese 2 % wären also eine Art Umverteilung hin zu den Arbeitnehmern. Wenn z.B. deren Sparquote um 10 Prozentpunkte niedriger ist als die der Kapitaleigner, würde dies die Konsumnachfrage um 0,2 % der Lohnsumme erhöhen, also um erheblich weniger als 0,2 % des gesamten Konsums.

Ich würde mal davon ausgehen, daß eine Erhöhung der deutschen Löhne um 5 % die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft in einem Maße senkt, daß der Außenbeitrag um mehr als 0,2 % zurückgeht. Der Nettoeffekt wäre dann negativ.

(Möglicherweise argumentiert Flassbeck implizit anders: Vielleicht denkt er, daß die Lohnerhöhung vorab erfolgt und sofort konsumwirksam wird. Der Effekt für die Kapitaleigner tritt dagegen erst mit Zeitverzögerung beim nächsten Bilanzstichtag ein, so daß sie ihren Konsum zunächst nicht senken. In diesem Fall würde der Konsum um bis zu 2 % der Lohnsumme steigen (im Extremfall von Sparquote = 0). Das würde dann zusätzliche Produktion auslösen, und damit auch zusätzliche Arbeitsnachfrage. Eine Positivspirale kommt in Gange. Aber warum bitte soll das so sein? Warum sollten die Kapitaleigner nicht antizipieren, daß für sie weniger übrig bleibt, und ihren Konsum entsprechend nach unten anpassen? Schließlich sind Unternehmer doch davon überzeugt, daß höhere Löhne schädlich sind. Insofern würden sie doch automatisch davon ausgehen, daß höhere Löhne den Wert ihrer Unternehmen senken. Was ja auch plausibel ist, da sie ja sowohl durch Umverteilung als auch durch geringere Konkurrenzfähigkeit am Weltmarkt unter Druck gerieten...)

Nun kann man durchaus der Meinung sein, daß der Außenbeitrag weniger hoch sein sollte, das Deutschland mit anderen Worten mehr von seiner Wirtschaftsleistung selbst konsumieren sollte. Dies kann durch Lohnerhöhungen durchaus erzielt werden.

Ggf. würde man dadurch tatsächlich den momentanen Lebensstandard in Deutschland etwas steigern, da ja mehr von der Wirtschaftsleistung konsumiert wird, anstelle Forderungen ggü. dem Ausland aufzubauen.

Aber die Behauptung, daß dadurch gleichzeitig auch die Wirtschaftsleistung steigt und die Arbeitslosigkeit sinkt, ist durch nichts belegt und m.E. ausgesprochen unwahrscheinlich. Sie wäre allenfalls plausibel (und auch dann nur in ziemlich geringem Maße), wenn man von sehr starker Konsumsteigerung durch die Umverteilung ausginge (d.h. die marginale Sparquote der Arbeitnehmer ist sehr viel kleiner als die der Unternehmer), und gleichzeitig von eher schwachen Effekten in Bezug auf Außenhandel und Produktionsverlagerung.

Insofern mag zwar durchaus richtig sein, daß in den letzten Jahren in Deutschland zuviel gespart und zuwenig investiert und konsumiert wurde. Mehr Konsum und weniger Ersparnis hätten wohl durchaus mehr Wachstum ermöglicht. Durch staatlich verordnete stärkere Nominallohnsteigerungen hätte man dieses Ziel aber nicht erreicht.

Auch Flassbecks "empirisches Argument", daß die Löhne in vielen anderen Ländern dynamischer gestiegen sind, und diese Länder auch stärker gewachsen sind, beweist gar nichts: Zunächst ist es "Henne vs. Ei", denn die Löhne sind dort ja vielleicht gestiegen, weil das Wachstum höher war, nicht umgekehrt (das widerspricht nicht der richtigen Flassbeckschen Beobachtung, daß in den meisten Euro-Ländern die Lohnstückkosten stärker gewachsen sind als in Deutschland: Wenn z.B. in Spanien die Immobiliennachfrage so stark steigt, daß dies die ganze Wirtschaft mitzieht, dann können durchaus die Löhne steigen, weil die Nachfrage in Spanien hoch ist. Aber es besteht kein klarer Kausalzusammenhang, daß höhere spanische Löhne das spanische Wachstums verursacht haben). Und speziell was die USA betrifft, das westliche Land mit den höchsten Wachstumsraten, so ist ohnehin altbekannt daß die Reallöhne der Unter- und Mittelschicht dort schon seit Jahrzehnten stagnieren.

Sorry, Herr Flassbeck, nicht überzeugend.

Kommentare:

  1. Naja, Du hast mal geschrieben, dass Du durchaus an die "savings glut" Theorie glaubst. Und es wird vielfach argumentiert, dass diese durch eine zu ungleiche Einkommensverteilung (mit)entsteht, da Unter- und Mittelschicht mehr konsumieren würden, wenn sie denn einkommensmäßig könnten. Was, finde ich, Flassbecks These durchaus unterstützt. (Ohne dass ich jetzt selbst das Buch gelesen hätte.)

    Wenn man sich anschaut wie wenig werthaltig die gegenüber dem Ausland aufgebauten Forderungen nun tatsächlich sind, welchen Sinn hatte es dann, dafür den Gürtel enger zu schnallen? Nach wie vor predigt die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache mit allerschönster Regelmäßigkeit, dass "wir" uns dieses Jahr "noch mehr anstrengen müssen". Wer fühlt sich davon nicht langsam veräppelt?

    Und wenn schon die Löhne über Jahre real stagnieren oder sinken, sollte man wenigstens bei der Besteuerung etwas für eine gleichmäßigere Einkommensverteilung tun. Ich bin derletzt über eine Studie vom Bund der Steuerzahler gestolpert, in der die Besteuerung von 1990 und von 2010 verglichen wird für unterschiedliche Einkommensklassen. Leider darf ich hier keine Links setzen, aber wenn man auf die Homepage vom Karl-Bräuer-Institut geht, ist die Studie gleich rechts über "Die Mitte verliert - Nach Tarifkorrektur 2010 erhöhter Nachholbedarf" erreichbar.

    Jedenfalls stellt sich raus, es ergibt sich eine Gaußkurve (Tabelle auf Seite 10): Mittlere Einkommen werden 2010 um bis zu 3,5% höher besteuert als 1990, hohe Einkommen dagegen um bis zu 5,3% entlastet! Was haben die im Bundesfinanzministerium geraucht??

    AntwortenLöschen
  2. Was die genannten Punkte betrifft, bin ich völlig einverstanden:

    Ich denke, "Savings Glut" ist ein Problem, und wird auch zukünftig umso mehr zum Problem, je mehr wir (und der Rest der Welt) auf "Kapitaldeckungsverfahren" u.ä. setzen. Da kann ich Flassbeck durchaus folgen.

    Etwas mehr "Umverteilung" von oben nach unten (oder alternativ mehr -sinnvolle- Staatsausgaben) könnte hier ggf. helfen, auch da kann ich folgen.

    Nur denke ich, daß eine Umverteilung über "Lohnpolitik mit der Brechstange" im Saldo nichts bringt, sondern eher schadet, wenn man den außenwirtschaftlichen Effekt miteinbezieht.

    Jetzt kann man sagen, der Außenwirtschaftsüberschuß muß eh' runter (was im Moment ohnehin gerade passiert). Ok. Aber das ändert nichts daran, daß der Gesamteffekt der Maßnahme "Lohnpolitische Umverteilung" auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze eher negativ als positiv sein wird.

    Da würde es m.E. sehr viel effizienter sein und mehr Sinn machen, wenn man (sofern man denn mehr umverteilen will) steuerlich ansetzt. Und es mit der Haushaltskonsolidierung nicht allzu sehr übertreibt.

    AntwortenLöschen
  3. Was das "Link setzen" betrifft:

    Blogger scheint Hyperlinks in den Kommentaren generell zu unterdrücken, das liegt nicht an mir (es sei denn, ich habe übersehen, wie man das in den Settings ändern kann). Aber man kann Links natürlich einfach reinkopieren, und der Leser kann sie dann in die Adresszeile kopieren.

    AntwortenLöschen
  4. Hier ist der erwähnte Link, wenn ihn noch jemand nachlesen will:

    http://www.karl-braeuer-institut.de/webcom/show_softlink.php/_c-1259/i.html

    Ich denke, der Grund ist recht einfach:

    Die mittleren Einkommen leiden an der schleichenden Progression, weil es bei uns idiotischerweise keine laufende Anpassung des Tarifs an die Inflation gibt.

    Die höheren Einkommen profitieren dagegen ganz erheblich davon, daß man den Spitzensteuersatz von 53 % auf 45 % gesenkt hat (bzw. 42 % für den "gehobenen Mittelstand", der nicht unter die "Reichensteuer" fällt).

    AntwortenLöschen
  5. Neuer Versuch:

    http://www.karl-braeuer-institut.de/files/65/Sonderinformation_Nr_57.pdf

    AntwortenLöschen
  6. Komisch, jetzt hat's geklappt. Ich hatte in meinem Kommentar gestern einen Link mit HTML-Syntax setzen wollen, da hat er schon beim Klicken auf "Vorschau" einen Fehler gebracht...

    AntwortenLöschen
  7. "Aber warum bitte soll das so sein? Warum sollten die Kapitaleigner nicht antizipieren, daß für sie weniger übrig bleibt, und ihren Konsum entsprechend nach unten anpassen? Schließlich sind Unternehmer doch davon überzeugt, daß höhere Löhne schädlich sind. Insofern würden sie doch automatisch davon ausgehen, daß höhere Löhne den Wert ihrer Unternehmen senken."

    Weil wirtschaftspsychologische Stabilitätsannahmen dieser Art (s. a. ricardian equivalence) nicht realitätsgedeckt sind. Warum sollte denn über Jahrzehnte die US-Sparquote fallen? Sparer würden doch bestimmt antizipieren, dass höhere Tilgungslasten schädlich sind... Etc.

    AntwortenLöschen
  8. Ich bin durchaus nicht der Meinung, daß immer alles rational antizipiert und durch geeignetes Verhalten ausgeglichen wird.

    Aber wenn ich per Annahme umverteile (d.h. den Kapitaleignern etwas wegnehme und den Arbeitnehmern gebe), dann ist es doch irgendwie verquer zu unterstellen, daß zwar die Arbeitnehmer merken, daß sie mehr Geld haben und dieses dann auch sofort ausgeben, aber die Kapitaleigner aus irgendeinem Grund nicht merken, daß man ihnen etwas weggenommen hat.

    Ich kann nachvollziehen, daß die Kapitalgeber ggf. eine andere Sparquote haben. Aber daß sie gar nicht merken, daß man ihnen per Umverteilung etwas wegnimmt, das scheint mir persönlich eine schwer nachvollziehbare (soll heissen: realitätsferne) Annahme zu sein.

    AntwortenLöschen